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Marienkapelle Epitaphen 1-25

Lageplan
Gründungsstein der Sakristei
Jahresstein

Die 25 historischen Grabmale an der Marienkapelle zu Neukirchen

C.-D. Cornelius - K. Schäfer - W. Weishaar

 

In Neukirchen diente die 1444 von dem letzten Grafen von Ziegenhain Johann gestiftete Marienkapelle auf dem Frauenberg mit dem umgebenden Friedhof als Begräbnisstätte. Anlässlich der Renovierung der Marienkapelle im Jahr 1988 wurden an der Kapelle und deren Leichenhalle 25 Grabmale außen auf rostfreien Konsolen befestigt. Neun Grabmale befanden sich vor der Renovierung bereits an ihrem jetzigen Platz. Den heutigen Erhaltungs- und Forschungsstand will die folgende Dokumentation aufzeigen. Wegen stärkerer Abwitterung bleiben die Sockelinschrift von Grabmal Nr. 5 und wegen starker Abbrüche der Umlauftext von Grabmal Nr. 17 unverständlich. Die Grabmale stammen aus den Jahren 1609-1724 und spiegeln damit die Stilentwicklung vom Früh- über das Hoch- zum Spätbarock. Das Besondere ist, dass fast lückenlos steinerne Zeugen der Geschichte von vor, während und nach dem 30jährigen Krieg erhalten sind. Die Grabmale bestehen überwiegend aus Buntsandstein unterschiedlicher Qualität.

Die ersten sieben Grabmale aus den Jahren 1607-1622 sind Stelen, die nur auf der Vorderseite bearbeitet sind und an inneren Kirchenwänden aufgestellt waren. Die Schrifttafeln sind von Halbsäulen flankiert und enthalten Personendaten und Leichtexte bzw. –gedichte, die in 5 Fällen auf dem Sockel fortgeführt werden. Die barocken Giebel zeigen verschieden gestaltete Engel zwischen S-Voluten. Einige dieser frühen Grabmale weisen Leichgedichte in deutscher Sprache auf: Nr. 1 einen zweizeiligen Sinnspruch, Nr. 4 und 7 acht- bzw. neunzeilige Gedichte. In diesen beiden Fällen wird angenommen, dass die Verstorbenen keine Kinder hatten.

Bei den Grabmalen Nr. 8-17 sowie 19 aus den Jahren 1626-1695 geben Grabplatten, die ebenfalls an den Kirchenwänden befestigt waren, im Umlauftext Namen und Lebensdaten wieder, während in der Kartusche die Leichtexte stehen. Bei denen aus den Familien Schröder und Huttenrod (Nr. 8-10) sowie bei den Grabmalen H. Caul, H. Nicolai und H. Möller (Nr. 13, 14 und 17) werden die im 30jährigen Krieg von den führenden bürgerlichen Familien zugelegten Wappen gezeigt. Zu dieser Gruppe gehört auch die Grabplatte von 1660 (Bild N) für A. Huttenrod geb. Faust von 1660 in der Nikolaikirche, wo die Anordnung der Wappen so wie bei ihrem Mann ist (Grabmal Nr. 9 von 1643). Dabei kopieren die Bürger die schon beim Adel übliche Wappenanordnung: links oben das Wappen der Familie des Mannes, rechts oben der Familie der Frau, links unten Wappen der Familie der Mutter des Mannes, rechts unten der Familie der Mutter der Frau. Bei Luck(e), Lucan fehlt bei Nr. 2, 5 und 12 das in Kirchhain schon 1576 bekannte Familienwappen, das in Neukirchen erst auf den spätbarocken Stelen Nr. 22 und 25 erscheint. Bei den Familien Bäcker/Pistor und Gruber fehlen Wappen, dafür tauchen 1666 bei E. Gruber geb. Bäcker erstmals Stundenglas und Totenkopf auf. Auf den Grabmalen der Gruber-Kinder (Nr. 15 und 16) von 1678 und 1683 erscheinen wieder Gedichte. Bei dem letztgenannten - dem einzigen kolorierten - erscheinen erstmals Szenen.

Das Spätbarock ist charakterisiert durch 6 Stelen aus den Jahren 1694-1724, die in zwei Fällen beidseitig beschriftet wurden und ursprünglich frei standen. Die Förstergrabmale Nr. 18 und 24 weisen wie auch andern Orts Gedichte auf. In Neukirchen zeigen sie Engelsköpfe im Hochrelief. J.J. Löw (Nr. 24) legte sich sogar Familienwappen zu. Zwei Stelen erinnern durch von Engeln eingenommene Giebel an die Stelen der ersten Gruppe. Es sind dies die Grabmale Nr. 20 und Nr. 21 (Bürgermeister H.L. von Schmalhausen, 1696, mit einziger Rathausabbildung und J. Wilhmes Witwe, undatiert, mit auffälligem Familienfries). Das letzte Grabmal (Nr. 25) wird von einer Engelsbüste beherrscht. Mit Grabmal Nr. 23 des Diakons J.W. Gruber von 1704 erscheint noch einmal der Grabplattentyp, allerdings mit doppelter Umschrift und vier Szenen sowie vier Texten mit zwei Gedichten. Es stellt den Höhepunkt der Neukirchener Grabmalskunst dar.

Die Grabmale der Marienkapelle sind Kaufleuten, Bürgermeistern, Pfarrern und Schulmeistern zuzuordnen. Die Familien Gruber, Lukan und Schröder sind am häufigsten vertreten. Viele Personen sind auswärts geboren. Die Sprache ist überwiegend deutsch, aber es sind einige bemerkenswerte lateinische Texte dabei. Die Urheber der Texte sind vorwiegend Pfarrer. Vom dichterischen Gehalt her sind die Distichen auf den Grabmalen Nr. 16 und 19 am bedeutendsten, die der Pfarrer G. Hain aus Breitenbach im Jahr 1683 und 1695 J. W. Gruber beigesteuert haben. Es sind weitere Publikationen zu den Familien und deren Grabmalen im Amt Neukirchen in Arbeit.

 

Chronologie der Grabmale

In der Bilderreihenfolge entsprechen die Grabmalnummern denen der Bilder. Die Personendaten sind überprüft durch Kirchenbücher und familien- und ortsgeschichtliche Veröffentlichungen und Datenbanken. Auf 8 Grabmalen (Nr. 1, 4, 7, 15, 16, 18, 19, 23) wurden 13 Leichgedichte identifiziert, sie sind in Kursivschrift gehalten.